Wahrscheinlichkeiten – Kapitel 4

Fallende Würfel

Zum Anfang der Geschichte

„Ich möchte noch einmal einhaken, Mr. Unterhofer. Immerhin kennen wir nun zur Genüge Ihre Rolle bei Senvo-Algorythms, sind mit der finanziellen Seite vertraut und wissen, was ein Chefentwickler und Systemarchitekt mit mathematischem Background so den lieben langen Tag macht. “

Ian McCaw, Vorsitzender des Untersuchungsausschusses und gleichzeitig exekutives Mitglied des Krisenstabs, blinzelte zweimal und scrollte mit einem Pen auf der gläsernen Tischplatte durch Akten, die nur er, und außer ihm sonst niemand, in seinem erweiterten Blickfeld sehen konnte. Im Schummerlicht konnte man das Flimmern der Anzeige auf seinen smarten Kontaktlinsen wahrnehmen.

Unterhofer rückte sich auf seinem Stuhl zurecht, griff nach seinem Glas Mineralwasser, überlegte es sich anders und lehnte sich dann zurück. Staub tanzte träge in den schwach bläulichen, gefilterten Lichtbalken, die durch die halb gedimmten Fenster weit in den Saal hinein griffen. Unterhofer verfolgte ihren gaußschen Tanz auf den Turbulenzen der Klimaanlage, beobachtete, wie sie sich zu dem Muster des Ereignisses zusammenfügten und fühlte brennende Müdigkeit in den Augen. Die Sitzung schien sich quälend in die Länge zu ziehen, denn bislang hatte man nichts anderes getan, als ihm die stets gleichen vier Fragen in immer neuen Varianten und Kombinationen zu stellen.

„Fassen Sie bitte noch einmal in Ihren eigenen Worten zusammen, worin Projekt Fortestinate genau besteht.“

Unterhofer hustete und begann mit müder Stimme die offiziellen, für ihn längst abgedroschen  klingenden Phrasen herunterzuleiern.

„Das Wort Fortestinate setzt sich zusammen aus den beiden lateinischen Wörtern Fortuna, dem Zufall, und Praedestination, der Vorsehung. Unser Projekt vereint den Widerspruch, der diese beiden Begriffe miteinander verbindet, auf einzigartige Weise. Ziel ist es, einen Quantencomputer zu bauen. Allerdings nicht einen, wie es ihn bereits gibt… also einen, der auf den üblichen bekannten Funktionsweisen basiert. Fortestinate ist ein experimenteller Rechner der nächsten Generation und sprengt den Rahmen des Bekannten, im wörtlichen Sinne.
Die theoretische Grundlage dafür sind die erweiterten Feldgleichungen von Piotr Sikojewski und John Allan. Außerdem nutzt Fortestinate aktuelle Erkenntnisse der reformierten Viele-Welten-Interpretation von Max Storch. Diese wiederum geht auf den Physiker Hugh Everett zurück, der sie in den 50ern des letzten Jahrhunderts aufstellte. Grob vereinfacht formuliert versucht dieser Denkansatz, die Schrödingergleichung mit den Effekten der Quantenmechanik in Einklang zu bringen, indem sie postuliert, dass die relativen Zustände in einem quantenmechanischen System miteinander korrelieren, wobei die Messung durch einen Beobachter eine entscheidende Rolle spielt. In Everetts Interpretation führt das unweigerlich zu einer Überlagerung aller denkbar möglichen Zustände, die dazu führen, dass sich das System in mehrere De-facto-Realitäten aufzweigt, die einander nicht beeinflussen können. In einem populärwissenschaftlichen Gedankenspiel, das sich auf den Makrokosmos ausweitet, bedeutet dies, dass sich unser Universum permanent in weitere Universen aufspaltet und alle denkbaren Realitäten und Geschichtsverläufe gleichzeitig existieren.
Max Storch wiederum hat die Viele-Welten-Interpretation im Jahr 2036 zur handfesten Theorie ausgebaut, indem er sie mit weiteren Effekten der Quantenmechanik, insbesondere der quantenmechanischen Verschränkung, also Einsteins „spukhafter Fernwirkung“, in Einklang brachte…“

Vorsitzender McCaw unterbrach Unterhofer näselnd.

„Das konnten wir nicht nur Ihren Vorabinformationsbroschüren und Hochglanz-3Ds entnehmen, sondern dies wurde auch eindringlich in der Vorab-Anhörung zu Ihrem Projekt erläutert. Bitte kommen Sie zum Punkt.“

„Bitte haben Sie Geduld. Meine Arbeit ist nun mal komplex und ohne die theoretische Basis fällt es mir schwer, sie zu beschreiben…“

„Schon gut, fahren Sie fort.“

„Nun…ähm.  Ja, die spukhafte Fernwirkung. Auch wenn die VWI postuliert, dass sich aufgespaltene Universen nicht mehr gegenseitig beeinflussen können, fand Storch eine Hintertür in dieser Angelegenheit. Die mathematischen Grundlagen sind extrem kompliziert und ich will Sie nicht mit Details langweilen, die ich selber nicht verstehe… auch war die zugrundeliegende Mathematik jahrelang sehr umstritten. Doch hat Projekt Fortestinate bewiesen, dass es diese Hintertür gibt“

Unterhofers Stimme hob sich und ein scheuer Stolz stahl sich in seine Stimme.

„Jedenfalls ermöglicht Storchs Gleichungssystem die Interaktion zwischen verschiedenen Paralleluniversen und die Folge daraus ist, dass quantenmechanische Verschränkungen gemessen werden können.
Unsere eigenen Informationstheoretiker gingen noch einen Schritt weiter, indem sie den „Storcheffekt“ dazu nutzen, Zustände nicht nur zu messen, also auszulesen, sondern auch zu initiieren, also zu schreiben. Und somit kommen wir zum eigentlichen Twist: Wir behandeln diese transuniversalen Verschränkungen als Bits.“

Unterhofer erschauerte bei seinen eigenen Worten und er dachte an den gewaltigen Ring des Beschleunigers tief im Fels des Altai-Gebirges unweit der Grenze der Mongolei zu China. Er dachte an die gewaltigen Energien, die nötig waren, um Protonenpakete auf ihrem Weg durch ein über 74 Kilometer langes Synchrotron in Geschosse zu verwandeln, die bei ihrer Kollision mit der Gewalt von 800 Megajoule Dinge erzeugten, von denen schwarze Minilöcher noch am leichtesten zu verstehen waren.
Und er dachte an Sektion 24, das Heiligtum der Fortestinate-Junkies bei Senvo. Er dachte an die seltsam geformten, supraleitenden Spulen und zarten Spinnenarme, von denen aus die hauchfein abgestimmten Manipulationsfelder in den kochend-pulsierenden Sud aus Teilchen griffen und auf geradezu magische Weise Bits in das Nirgendwo schrieben und ebensolche aus dem Überall zurück holten. Und er dachte an die abgedunkelte Schreib- und Lesekammer, in der seine Kollegen und er selbst, verbunden durch immersive Implantate und AR-Brillen, mit ihrem Geist in diese Ungeheuerlichkeit eintauchten und in den sagenhaften Möglichkeiten badeten, die sich im virtuellen Raum um sie herum scheinbar aus dem Nichts heraus auftaten…
Wie konnte er diesen Banausen nur die Unfasslichkeit und Schönheit vor Augen führen, die sich einem Fischer darbietet, der ein Netz in einen Teich wirft und es mit einem Ozean voller Fische ins Boot zieht? Wie konnte er diesen Leuten hier erklären, wie es war, eine kleine Kellertür zu öffnen und unvermittelt vor der gewaltigen Majestät einer gotischen Kathedrale zu stehen?
Unterhofer nippte an seinem Wasser.

collider

„Eine wichtige Komponente in unserem Ansatz ist der, dass wir mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Stochastische Abläufe und die Frage nach der Determination von kausalen Zusammenhängen – mit oder ohne Beobachter – spielen eine wichtige Rolle in der Viele-Welten-Interpretation. Sie müssen verstehen, dass auch der gewöhnliche Zufall um eine relative Komponente erweitert wird, wenn jede mögliche Variante der Realität für uns plötzlich gleich „real“ ist.

McCaw beugte sich vor, wacher nun. „Erläutern Sie uns das, bitte.“

„Gerne. Um es anders zu formulieren: Egal, welcher Ausgang eines ergebnisoffenen Experimentes möglich ist, nehmen wir z. B. ein oszillierendes, von starken Magneten beeinflusstes Pendel, welches über Punkt A oder über Punkt B zum Halten kommen kann: In einer der vielen Welt gibt es diesen Ausgang. Egal was passieren könnte: In irgendeinem Universum ist es bereits geschehen, geschieht gerade oder wird irgendwann geschehen. Natürlich sind solche Annahmen nicht beliebig, es gibt eine Art „Tunnel der Wahrscheinlichkeiten“ für jede Kausalität. Bestimmte Ereignisse werden auch im Viele-Welten-Multiversum nur sehr selten auftreten.“

McCaw unterbrach den Vortragenden. „Sie meinen so etwas wie: Ich lasse dreimal hintereinander ein Kartenspiel fallen und auf dem Boden ergeben die offen liegenden Karten jedes Mal zufällig ein Royal Flash?“

Die anderen, bisher still bis gelangweilt zuhörenden Mitglieder des Untersuchungsausschusses blickten unruhig auf. Ein Tuscheln ging durch den Saal, irgendjemand gluckste. Unterhofer spürte, wie seine Kehle wieder trocken wurde.

„Ja, so in etwa. Nun, unser Rechner ist jedenfalls in der Lage, über einen sehr großen Raum aus Zustandsräumen eine Kalkulationsmatrix zu erstellen…“

„Moment, mit „Zustandsräumen“ meinen Sie: verschiedene Universen?“

„Ja, hypothetisch gesprochen. Durch den gleichzeitigen Zugriff auf sehr viele dieser Zustandsräume entsteht eine Art paralleles Netzwerk. In dieses Netzwerk speisen wir unsere aufbereiteten Rechenanfragen. Jede größere Aufgabe wird in vergleichsweise einfach auszurechnende „Jobs“ aufgeteilt und einem einzelnen Zustandsraum zur Ergebnisermittlung übergeben. Der Clou daran ist: Jede mathematische Aufgabe, die wir uns vorstellen können, wurde irgendwo irgendwann schon einmal im Meta-Raum der Zustände gelöst!“

„Sie meinen, in irgendeinem Ihrer parallelen Universen gibt es irgendwo ein Außerirdisches Genie, das Ihnen bereitwillig die Arbeit abnimmt?“

„Nein, natürlich nicht. Das ganze findet, wie gesagt, auf quantenmechanischer Ebene statt. Die Aufgabenpakete, die wir in die Matrix schreiben, sind auf einfachste Gleichungen heruntergebrochen und durch die Grundrechenarten lösbar. Die Kunst besteht darin, komplexe Aufgaben entsprechend in Maschinensprache zu übersetzen, aufzuteilen und das Gesamtergebnis später aus den Einzelergebnissen zu rekonstruieren. Aber nicht anders funktionieren Großrechner auf Software-Ebene seit einem Jahrhundert.“

„Gut, fahren Sie fort.“

„Wo waren wir? Hm, knüpfen wir bei den Quantenereignissen an.“
Unterhofer fühlte wieder sicheren Boden unter den Füßen:
„Natürlich ist nicht jedes dieser Ereignisse für unsere Zwecke geeignet, also dafür, Teil des Rechennetzwerks zu werden. Unser Ergebnis würde aus dem allgemeinen Rauschen der unendlichen Möglichkeiten nicht herauszufiltern sein. Daher, und hier helfen uns sowohl die Verfahren von Storch als auch die von Allan, beschränken wir uns auf möglichst unwahrscheinliche Ereignisse. Je unwahrscheinlicher ein Ereignis ist, umso eher können wir es aus dem unendlichen Chaos der Verschränkungen auslesen und als Bit schreiben. Und was noch wichtiger ist: Nur so können wir es überhaupt wiederfinden.“

Unterhofer wurde bewusst, dass McCaw seit einigen Minuten nicht mehr in sein virtuelles Notepad gekritzelt hatte. Der Pen lag unbenutzt neben ruhig verschränkten Händen, deren Besitzer Unterhofer aus starren, grau-wässrigen Augen anstarrte, welche nicht mehr vom Flimmern der Smartlense überlagert wurden. Da war es wieder, das Gefühl des belauert-seins. McCaw sprach langsam.

„Ich fasse das mal in meinen eigenen Worten zusammen. Sie haben einen Computer konstruiert, der am MCC hängt und durch irgendein kompliziertes Verfahren, das auf der ganzen Welt vielleicht sechs Menschen wirklich verstehen, auf parallele Universen zugreift und dort Zufallsereignisse benutzt, um Rechenoperationen durchzuführen.“

„Das ist eine valide Zusammenfassung, ja. Wobei ich den Begriff „Universum“ hier als sehr populärwissenschaftlich und daher irreleitend empfinde. Es handelt sich, genau genommen, um mathematische Zustandsräume, die man bestenfalls auf einer konzeptionellen Ebene als Universen bezeichnen könnte…“

 

McCaw wurde lauter. „Herr Unterhofer, ich habe hier diverse Memos und Protokolle vorliegen, die belegen, dass sich eine ganze Projektgruppe mit dem, wie haben Sie es genannt… ‚Wahrscheinlichkeitstunnel‘ intensiv befasst hat. Offensichtlich gab es Sorge darüber, dass viele der möglichen Zustandsräume, mit denen Sie arbeiten, zu nah an unserem eigenen Universum liegen könnten. Können Sie mir das begründen?“

Unterhofer starrte McCaw an. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme… Routine!“

McCaw hakte nach: Warum diese Vorsichtsmaßnahme? Bestand die Sorge, dass die Manipulation von Zufallsereignissen in unserem eignen ‘Zustandsraum’ für Probleme sorgen könnte?”

“Nein, das Risiko geht… gegen Null. Wie gesagt: e shandelte sich um eine reine Vorsichtsmaßname!”

„Lassen Sie uns zum Kern des Problems kommen: Haben Sie eine Kenntnis darüber, ob in Ihren ‚Zustandsräumen‘, egal ob wir sie nun ‚Universen‘ nennen oder nicht, intelligentes Leben existiert? Und ja, ich spreche von Aliens, empfindungsbegabten Wesen. Von …Leuten im weitesten Sinne, wenn Sie so wollen?“

Da war er. Der Aspekt, vor dem Unterhofer solche Angst hatte und der drohte, ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

„Nunja… wie gesagt, hier befinden wir uns nun auf einem sehr populärwissenschaftlichen, um nicht zu sagen vulgärwissenschaftlichen Gebiet. Ich selbst fühle mich nicht kompetent, hier irgendwelche Spekulationen vorzunehmen. Ich weise allerdings darauf hin, dass es uns Menschen bereits in unserem eigenen Universum bisher nicht gelungen ist, irgendeine Spur von außerirdischem Leben zu entdecken.“

„Aber sagten Sie nicht vorhin mehrmals, dass Ihre Theorie davon ausgeht, dass jede denkbare Alternative in irgendeinem Ihrer Universen bereits existiert? Müsste das nicht auch auf intelligentes Leben zutreffen?“

Unterhofer begann, sich sehr unwohl zu fühlen. Außerdem missfiel es ihm, wie McCaw versuchte, komplexe Zusammenhänge auf einfache Möchtegern-Schlussfolgerungen zu reduzieren.

„Zuerst einmal: Es ist nicht „meine“ Theorie und es sind auch nicht „meine“ Universen. Des Weiteren weise ich noch einmal darauf hin, dass ich kein Xenobiologe oder etwas in dieser Art bin, sondern Informatiker. Und dass es hier außerdem nicht um göttliche Eingriffe in irgendwelche Star-Wars-Geschichten geht, sondern um die unmerkliche Manipulation von Quantenzuständen, wie es sie auch in unserem Universum in dieser Sekunde sehr viele geben muss!“

„Die Antwort ist mir nicht deutlich genug. Daher frage ich noch einmal anders: Könnte Ihr Computer Einfluss auf das Leben anderer Wesen in anderen Universen haben, ja oder nein?“

„Nein, das ist unwissenschaftlicher Schwachsinn!“

McCaw legte seine weithin hörbar seine flache Hand auf den Glastisch und beugte sich ruckartig nach vorne.  Ein alter Kater, der mit einer Maus spielt. Mit der anderen griff er nach dem Pen und zeichnete etwas in die Luft, worauf sich die den Fenstern gegenüberliegende Wand aus Polymer-Marmor aufhellte und ein Lexikon-Eintrag erschien, dessen herausragendes Merkmal das Portrait eines Mannes mit weißen Haaren und dunkler Hautfarbe war.  McCaws Stimme war nun ein aggressives Bellen.

„Mr. Unterhofer, ich bin vielleicht kein Wissenschaftler, aber dennoch nicht ganz so ahnungslos, wie ich vielleicht aussehe und habe mich von meinen Mitarbeitern auf diese Sitzung vorbereiten lassen. Dieser Herr hier  – er zeigte auf die Wand – ist Clarence Ngoje, Professor für Quantenphysik am virtuellen TpScience-Institute, er lebt in Kapstadt. Kennen Sie seine Arbeiten?

„Flüchtig…“

„Das ist schade, denn er kennt Ihre Arbeit recht genau. Wäre er jetzt hier – und das wird er, zu Ihrer Information, morgen sein – dann hätte er einiges zu Ihren Ausführungen zu sagen. Uns liegt ein kurzes Vorausgutachten von ihm vor, das wiederum einen Fachartikel, der sowohl frei im Netz erschienen ist, als auch als Leserbrief im „Nature“ veröffentlich wurde. Mehr als drei Monate vor den Ereignissen übrigens. Mag sein, dass auch dieser Artikel Ihrer Wahrnehmung entging, deshalb erlaube mir, daraus zu zitieren!“

„Ich kann mir denken, worauf Sie hinauswollen, aber das ist absurd!“

„Wenn Sie etwas Absurdes sehen wollen, schauen Sie aus dem Fenster oder auf Ihr nächstes Mittagessen. Darf ich als Vorsitzender dieses Ausschusses fortfahren?“

Unterhofer zuckte zusammen wie ein Spatz im Regen. Da war sie wieder, die Angst vor… ja, vor was nur?

„Natürlich.“

„Danke. Also, ich zitiere aus dem Gutachten. Und ich erspare Ihnen hierbei die Mathematik, von der Sie ja selbst sagen, sie sei viel zu kompliziert für diese Runde, und komme gleich zu den wesentlichen Kritikpunkten aus der Zusammenfassung:
‚Alle natürlichen, unbelebten Vorgänge unseres Universums unterliegen der Entropie und bilden damit das statistische Grundrauschen der möglichen Vorgänge. Gaswolken, Sterne, Neutronensterne, schwarze Löcher und die dunkle Materie; sie alle bilden nicht nur den überragenden Anteil von Materie in unserem Kosmos. Die von ihnen ausgehenden Vorgänge sind auch, bis auf die atomare Ebene hinunter, extrem ‚gewöhnlich‘ im Sinne von ‚alltäglich‘. Natürlich gibt es auch hier, zumindest im Gedankenexperiment, extrem seltene Ausnahmen wie z. B. das berühmte Beispiel, bei dem ein Elektron einen Atomkern nicht einfach umkreist, sondern dabei einen Umweg um den halben Erdball nimmt. Doch auch solche natürlichen Ausnahme-Ereignisse dürften, rein statistisch gesehen und verglichen mit anderen Dingen, immer noch vergleichsweise häufig auftreten.

Die eigentlichen Ausnahmen in der Summe aller Zustände werden von Entitäten erzeugt, die sich selbst und ihre Umwelt aktiv organisieren und damit der Entrophie entgegen wirken. Dies trifft besonders auf das Leben zu. Jeder Virus, jede Pflanze, jeder Tier und insbesondere jeder Mensch stellt permanent, sei es nun alleine durch seine Stoffwechselvorgänge oder aber durch seine Interaktion mit der Umwelt, Ordnung her. Diese Ordnung führt zu Zuständen, die, relativ zum Durchschnitt, für unser Universum untypisch sind und Ausnahmen darstellen. Nehmen wir als Beispiel das Gehirn einer jungen Frau, die ein Sonett von Shakespeare liest und dabei an eine ganz bestimmte andere Person denkt: Das spezifische Muster an Zuständen, welches in diesem Moment in ihrem Gehirn erzeugt wird, dürfte im Universum einzigartig sein und daher eine extreme Ausnahme darstellen…. Kurz gesagt: WIR sind die große Ausnahme, die immanente Unwahrscheinlichkeit dieses Universums. Wir und die paar anderen Zivilisationen, die es hier und da vielleicht geben mag. Wir sind der große Zufall.“

Unterhofer wurde jetzt seinerseits laut.

„So ein Unsinn. Das heißt: Natürlich ist das nicht per se falsch, aber es hat nichts mit den Effekten auf quantenmechanischer Ebene zu tun, mit denen Fortestinate arbeitet!“
„Ich bin noch nicht fertig und lese weiter: Die Frage, in welchem Maß quantenmechanische Effekte einen Einfluss auf mikro- und damit auch auf makroskopische Vorgänge in der Natur haben können, ist nicht abschließend geklärt. Eines jedoch lässt sich sagen: Das alte Paradigma, dass sich die Auswirkungen der Quantenmechanik lediglich auf subatomare Größenordnungen erstrecken und in den Dimensionen, die zum erweiterten Wahrnehmungsraum des Menschen zählen, keine Rolle mehr spielten, gilt spätestens mit der Chaostheorie als überholt und wurde auch mehrfach im Experiment widerlegt. Quantenmechanische Eingriffe können sehr wohl Konsequenzen in der Sphäre newtonscher Physik nach sich ziehen. Bereits die Existenz und der Betrieb von Quantencomputern können als Beleg für diese Behauptung angesehen werden.“

Unterhofer schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf, doch McCaw ließ sich, von einem kurzen wütenden Blick abgesehen, zu keiner Pause hinreißen.

„Weiter im Text, kommen wir zu Ngojes Schluss: ‚Ausgehend von diesen Prämissen ist es nicht unmöglich dass der Betrieb eines Quantenrechners, der mit Unwahrscheinlichkeiten anderer Universen kalkuliert, direkten Einfluss auf das Leben und die Umwelt ihrer Bewohner ausübt. Es gibt gute Argumente dafür, dass sowohl die biologische Existenz als auch die mit Denkprozessen und zivilisatorischen Schöpfungen einhergehenden Kausalerscheinungen zu den unwahrscheinlichsten Ereignissen auch anderer Universen gehören. Daraus folgt, dass Fortestinate direkt in das Leben von Wesenheiten, die uns zwar fremd sein mögen, die aber nichtsdestotrotz empfindungsbegabt sind, eingreift. Wie schwer diese Eingriffe sind und welche Folgen sie zeitigen, ist aus unserer Perspektive unmöglich zu überprüfen, da der Kontakt zur anderen Seite ja nur indirekt über die Berechnungen von Fortestinate hergestellt wird. Wir können unmöglich sagen, ob wegen unserer Handlungen „dort drüben“ nur der sprichwörtliche Sack Reis umfällt oder ganze Städte vom Pendant einer Springflut ausgelöscht werden.
Aber wenn mir eine abschließende Spekulation erlaubt ist, so würde ich vermuten, dass gerade das Schreiben von Bits durch Fortestinate dazu geeignet ist, Ereignisse von besonderer Seltenheit, das heißt: hoher Unwahrscheinlichkeit auszulösen, welche von den dortigen Bewohnern als geradezu schicksalhaft empfunden werden müssen.
Da in keiner Weise absehbar ist, welchen Schaden Fortestinate in den zu seinen Operationen verwendeten Paralleluniversen anrichtet, empfehle ich dringend die vorläufige Aussetzung aller Rechenoperationen, bis diese Frage hinreichend geklärt ist“

McCaw legte seinen Pen geräuschvoll ab und sah Unterhofer lange an. Bleierne Stille lag über dem Saal.

Unterhofer rutsche auf der Sitzfläche hin und her, dann endlich saß er unbeweglich auf seinem Stuhl und starrte ins Leere.

McCaws Stimme füllte erneut den Raum. Ruhig und geradezu sonor, diesmal.

„Es drängt sich die Vermutung auf, dass Sie bei der Lokalisation der zu verwendenden Wahrscheinlichkeitsräume eine Art ‚Sicherheitskorridor‘ um unseren eigenen einkalkuliert haben. Und zwar mit dem Ziel, solche Effekte auf Seiten der Menschheit zu vermeiden. Ob diese Effekte anderswo auftraten, war Ihnen egal… das würde man ja sowieso nicht mitbekommen. Haben Sie sich gedacht. Habe ich Recht?

Schweigen.
„Hören wir auf damit, uns und der Welt etwas vorzumachen. Die Öffentlichkeit will Antworten auf bohrende Fragen und wir haben weder die Zeit noch das Recht, den Aufklärungsprozess weiter hinauszuzögern.  Die Ereignisse lassen sich nicht leugnen und der Zusammenhang zu Projekt Fortestinate ist die einzige Spur, die wir zur Klärung all der Fragen haben. Ich schlage vor, wir nehmen den Zusammenhang zwischen Ihrer Arbeit und den Ereignissen vorläufig als gegeben hin und arbeiten gemeinsam an einer konstruktiven Aufarbeitung des Themas.
Ist das in Ihrem Sinne, Mr. Unterhofer?

Seungo Unterhofer, Informatiker, Musikliebhaber, Hobbygärtner und vielleicht der Vernichter ganzer Welten, starrte auf seine manikürten Hände. Er schwieg noch einige Sekunden, dann nickte er.

 

 

Viren

Die Menschheit ist sehr kreativ und Ideenfreudig, im Guten wie im Schlechten. Viele der von ihr entwickelten Konzepte wie z.B. Kunst, Wissenschaft und Philosophie sind großartige und bewundernswerte Leistungen.
Andere menschliche Konzepte sind bei näherer Betrachtung im Kern destruktiv und schädlich, wie z.B. Finanzkapitalismus oder autoritäre Herrschaftsformen. Zu den unsinnigsten geistigen Konzepten gehören asllerdings die irrationalen Gedankengebilde: Aberglaube, Verschwörungstheorien, Rassismus usw. Und von diesen wiederum ist das Mem “Religion” das mächtigste.
Dieses Mem hat mit Viren tatsächlich einiges gemeinsam:
 
1. Religionen verbreiten sich durch Ansteckung. Schon wenige Fanatiker genügen für eine Infektion sozial geschwächter Gemeinschaften.
2. Religionen sind parasitär: Sie tragen nichts zum Überleben der Wirtsgesellschaft bei, binden aber dringend benötigte Ressourcen.
3. Religionen gibt es in gemäßigten Varianten, die man trotz ihrer Lästigkeit akzeptiert (Liberaler Schnupfen, sozusagen) und der gefährlichen Pandemie-Variante (fanatisches Ebola).
4. Evolutionär hochentwickelte Religionen versuchen, sich ihrer Wirtsgesellschaft ein Stückweit anzupassen, um nicht den Ast abzusägen, auf dem sie wuchern. Sie tarnen sich mit Fragmenten sozialer DNA, um vom Immunsystem der Vernunft nicht erkannt zu werden.
5. Trotzdem neigen Religionen mit der Zeit dazu, ihre Wirtsgesellschaft komplett zu übernehmen. Die besonders infektiösen Mems unter den Religionen bilden “Gottesstaaten” heran, die sich einerseits bis zum Kollaps selbst zerstören, andererseits hochansteckend sind.
6. Gegen Religion kann man sich impfen lassen. Der Impfstoff besteht aus Bildung und Vernunft. Die Impfung muss regfelmäßig aufgefrischt werden.

Wahrscheinlichkeiten – Kapitel 3

Zum Anfang der Geschichte

Arena der Schmerzen

Mit einem erstickten Keuchen erwachte Xalvie aus seinem Alptraum und bereute dies sogleich. Nicht nur, dass die Protofedern seiner Haut juckten, weil er sie seit zwei Tagen nicht mehr hatte einölen können, er war auch bewegungsunfähig auf eine äußerst unbequeme Balkenkonstruktion aufgeschnallt  und litt schlimme Rückenschmerzen. Schlimmer jedoch als um seine körperliche Verfassung stand es um Xalvies Stimmung. War der Traum, aus dem er hochgeschreckt war, zwar eine Ansammlung buckliger Chimären und schreiender Fratzen gewesen, die ihn durch die Brutgänge seines Heimatstocks gehetzt hatten, sah die Realität, in die er erwachte, noch weit unerfreulicher aus. Das erste, was Xalvie nach dem Erwachen hörte, war das ferne Tosen der Arena, auf- und abbrausend wie Meeresbrandung und gedämpft durch meterdicke Mauern. Das erste was er sah, als er es wagte, die verklebten Doppellieder seiner Augen zu öffnen, war der kühle, mit gestampftem Speichel verfugte Stein der Saaldecke, welche blutige Szenen aus der juristischen Vergangenheit seines Volkes zeigten. Schlagartig wurde ihm bewusst, wo er sich befand und dass man in wenigen Stunden damit beginnen würde, ihn vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu Tode zu foltern. Beim Gedanken daran wurde ihm sofort schwindelig und er schloss gleich wieder die Augen.
„Ich träume immer noch“, dachte er. „Ich bin einfach nur nicht aufgewacht. Und selbst wenn das hier gerade wirklich passiert, muss es ein Irrtum sein, der sich sicher noch rechtzeitig aufklärt. Bestimmt kommt Lorpo gleich in den Saal gestürzt, mit neuen Aktenrollen unter dem Arm und ruft ‚Haltet ein, dieser Sempex liegt zu Unrecht in Ketten!‘“ Guter, alter Lorpo. Einer seiner besten Männer. Etwas fahrig vielleicht, und zu wenig Initiative. Ein Duckmäuser und Speichellecker wie all die anderen, genaugenommen. Aber bis ins Mark gehorsam und vorausschauend obendrein. Ach, Lorpo. Wenn dies hier überstanden war, würde er ihn zum ersten Kleber seines Palastes ernennen und ihm zwei Frauen schenken. Er würde sagen: „Lorpo, mein treuer Adjutant, morgen gehen wir zusammen auf den Markt und du darfst dir zwei Sklavinnen im Wert von jeweils dreihundert Glänzern aussuchen!“. Dazu würde er ihm väterlich auf die Schultern klopfen und bestimmt würde der Alte nicht an sich halten können und weinen. Moment mal… hatte Lorpo nicht kürzlich geweint?

Etwas in Xalvies von Durst und Betäubungsmitteln gebeuteltem Geist rastete ein und er wurde von einem Wasserfall aus zurückkehrenden Erinnerungen überflutet. Er sah ihn vor sich, den gebeugten Lorpo, zitternd wie Sonnenlaub und heulend wie ein Kleinkind, als er im harten Griff der Stadtbüttel durch den Portikus von Xalvies Villa geführt wurde. Kein Wunder, dass sich der alte Mann so erbärmlich aufgeführt hatte, denn als sein Sekretär und Adjutant war Lorpo nach allem, was man seinem Hause vorwarf, nicht weniger verloren als er selbst. Ob sie ihn sich schon in der Arena vorgenommen hatten? Vorgenommen… Xalvie wurde schlagartig übel und schnaufend schloss er die Augen, versuchte die Panik zu unterdrücken. Kein Zweifel, das hier war echt. Er, Xalvie, war beschuldigt worden, Stadtgelder in enormer Höhe veruntreut und für den Bau seiner Landvilla, Sklaven und rauschende Feste verwendet zu haben.
Als Xalvie daran dachte (vor allem an die Sklaven und die Feste… die Feste!), huschte gegen alle Vernunft ein zynisch-genießerisches Grinsen über seine rissigen Lippen. Erstaunt und erfreut über die Tatsache, dass er sich einen kleinen Rest Abgebrühtheit bewahrt hatte, der für ein Lächeln reichte, musste er hustend lachen. Xalv‘, du alter Hurenbock… keinen Respekt vor nichts…

Das Lachen steigerte sich zu einem hysterischen Wiehern und weil Xalvie seit vielen Stunden nichts mehr gesagt hatte, mündete der Lach-  in einem erbärmlichen Hustenanfall. Er schüttelte sich vor Husten, konnte sich aber nicht zusammenkrümmen, denn er war an Handgelenken und Fußknöcheln (in einem anderen Universum hätte man seine Anatomie als grob humanoid bezeichnet) an das liegende Blutgerüst gefesselt. Die Fesseln waren mit einem weichen Material gepolstert und schnitten nicht ein. Auch sein Kopf war irgendwie fixiert, er hörte schlecht und fühlte einen Widerstand an der Stirn. Er konnte nicht viel mehr als einfach nur daliegen, an die Decke starren und husten… was er ausgiebig tat.

Dann war der Anfall vorbei und Xalvies Husten wechselte nahezu übergangslos in ein leises Fluchen. Lorpo, der Hund, hatte ihn verraten, um seine eigene nichtswürdige Haut zu retten. Vor dem hohen Rat hatte dieser wertlose Kothaufen von einem Bediensteten alle Betriebsinterna inklusive aller halbseidenen Transaktionen, welche Xalvie zu verbergen allen Grund gehabt hatte, ausgeplaudert, ach was: hinausgeschrien. Und mehr noch: Aus Angst, dass dies nicht genügen könnte, hatte Lorpo auch noch zusätzliche Vergehen erfunden, die er den Ratsherren bei der Ehre seiner Väter beeidete, würden sie ihn schonen. Nun, genützt hatte es ihm freilich nichts, dem Nichtswürdigen. Denn gestern, als die Gehilfen der Schmerzensmeister Xalvie, zusammen mit vielen anderen Verurteilten im Saal, an sein Blutgerüst geschnallt hatten, hatte er auch Lorpo unter den Unglücklichen gesehen. Zuerst hatte Xalvie vor Schadenfreude frohlockt und den Verräter, das gemeinsame Schicksal als bitteren Trost auskostend, beschimpft und verhöhnt. Für einige Minuten muss seine mit Verve und Kreativität vorgetragene Hasstirade die Sensation im Saal schlechthin gewesen sein, denn alle schwebenden Robot-Kameras waren plötzlich auf ihn gerichtet gewesen, um den Zuschauern daheim jeden Satz in bester Qualität zu servieren. Doch als er den apathisch-gebrochenen, abwesenden Zustand Lorpos bemerkt hatte und sah, dass dieser sich bereits mehrfach beschmutzt haben musste, war ihm die gallige Freude an diesem zweifelhaften Triumpf vergangen und er hatte sich still seinen tiefschwarzen Gedanken überlassen.

Schmerzen

Xalvie hatte ein dickes Federkleid und konnte den Verrat eines schriftkundigen Lakaien verwinden. Er selbst hatte sich mit weitaus weniger skrupelloseren (wenn auch geschickteren) Mitteln bis weit hinauf in die bessere Gesellschaft befördert. Nicht nur manches leer geräumte Glänzer-Konto, ein Berg von gefälschten Dokumenten (darunter auch eines über seine edelblütige Abstammung) und das ein- oder andere gebrochene Herz pflasterten seinen Weg, sondern auch Leichen. Xalvie konnte nicht glauben, dass sein wasserdichtes Konstrukt aus Immobilien, Günstlingen und Freunden bei Hofe versagt haben sollte und er tatsächlich über ein profanes Glücksspiel gestolpert war. Ein Glücksspiel!

Es war erst eine Woche her, dass er sich beim Besuch einer Abendgesellschaft mit diesem glattzüngigen Emporkömmling namens Virapdala auf mehrere Partien ‚Wagemut‘ eingelassen hatte. Ein Spiel, das seinen Namen zu Recht trug, denn Spieleabende konnten schnell auf mehreren Ebenen eskalieren. Zum einen handelte es sich um ein schnelles Spiel mit einerseits einer gepfefferten Dosis Zufall, andererseits aber genau so viel an taktischen Elementen, dass sich der Sieger seinen Triumph als vorausschauende Eigenleistung ans Revers heften konnte. Dazu kam eine haarsträubende soziale Komponente, denn zwischen den einzelnen Spielzügen, wenn die Spieler ihre Steine sortierten, war es Sitte, seinen Spielpartner mit geistreichen Bonmonts zu reizen und mit kaum verhohlenen Beleidigungen zu provozieren. Virapdala und Xalvie waren sich noch nie besonders grün gewesen: Xalvie, der Magnat eines traditionsreichen Kontoren-Netzwerkes und gesegnet mit einem uralten Familienwappen auf der einen Seite… und auf der anderen Seite Virapdala, legitimer Zweitbastard eines reichen Landadeligen und einer exotischen Buhlschaft, jedoch talentiert, wortgewandt und gerissen. Das konnte nicht gutgehen. Einige (wie Xalvie fand) unnötige Provokationen im hohen Rat und hässliche Sticheleien unterhalb der Gürtellinie, die man Xalvie zugetragen hatte, hatten ihm diesen Schnösel in den letzten Wochen regelrecht verhasst gemacht. Es war also nur natürlich, dass er Virapdalas Herausforderung zum ‚Wagemut‘ sofort angenommen hatte. Eine Menge der anwesenden Gäste des rauschenden Festes hatte sofort mit großem Geschnatter und raschelnden Gewändern eine Traube um ihren Spieltisch aus Vulkanglas gebildet, um jede Bewegung der Spielsteine und jede lässig hingenäselte Beleidigung der beiden Kontrahenten mit Gelächter und anerkennenden Zwischenrufen zu kommentieren. So hatte ein Wort das andere ergeben und schnell waren die Einsätze von rein finanziellen Werten auf eher ideelle Dinge gewechselt: Nächte mit Lieblingssklavinnen, der entwürdigende einjährige Verzicht auf eine Kopfbedeckung im hohen Rat und ähnlich originelle Einfälle.

Das Spiel war seit über drei Stunden im Gange gewesen und Xalvie hatte mehr verloren als gewonnen. Außerdem war er nicht mehr ganz klar im Kopf, die geistigen Getränke taten schon länger ihre Wirkung. Da unterbrach ihn Virapdala mitten in einem besonders originellen Scherz:
„Nun, Xalvenion dul Bredack, Sie alter Möchtegernzocker… wie wäre es, wenn ich Ihnen in einem letzten Spiel mit einem ‚Alles oder Nichts‘ die Chance biete, Ihre Verluste wettzumachen? Ihre Lakaien sehen unterernährt aus.“ Dabei bewarf er Xalvies Mundschenk mit einem Güldenbeerentörtchen. Schallendes Gelächter der Zuschauenden.
Xalvie kochte vor Wut. „Ich brauche Ihre Almosen nicht und Ihr Vater hätte auch gar nicht die Mittel, mich auszuzahlen, wenn ich mir wirklich Mühe beim Spiel geben würde. Nennen Sie einfach Ihren Einsatz und ziehen Sie. Sodann werde ich Sie gerne lektionieren.“
Das Publikum goutierte die Replik mit einem lauen Murmeln. Mist, das war nicht besonders schlagfertig gewesen. „Außerdem haben Sie keinen kulinarischen Geschmack, Sie Flegel. Wenn Sie schon so tief gesunken sind, meine Lakaien zu bedienen, dann nehmen Sie wenigstens den guten Kriechkavius!“
Die Menge gluckste und leiser Applaus brandete auf. Schon besser! Xavie schielte auf seine Spielsteine… und ihm gefiel, was er da sah. Sein Kontrahent hob an:
„Nun denn, alter Mann… im letzten Spiel biete ich Ihnen alles, was Sie bisher verloren haben und außerdem die Möglichkeit, unser Familiengrab nach eigenem Gutdünken umzugestalten…“
Ein Raunen ging durch die Menge. Das Grab eines befeindeten Clans durch kreative Einfälle zum Gespött der Gesellschaft machen zu können, war eine traditionelle, aber seltene Möglichkeit der Demütigung, die nur selten gewährt wurde, weil ihre Folgen über Jahrzehnte spürbar waren. Der kleine Scheißer hatte Mumm, das musste man ihm lassen.
„Als Gegeneinsatz fordere ich vollen Einblick in alle Bücher Ihres heruntergekommenen Handelshauses!“ setzte Virapdala hinzu.
Die umstehenden Gaffer zogen den Atem mit einem lauten Zischen ein. Es wurde getuschelt und  geraunt.
Xalvie schluckte, denn ihm war bewusst, wie gefährlich dieser Vorschlag für ihn werden konnte. Und jeder im Raum wusste das natürlich auch. Ein jeder unter den Zuschauer war, sofern kein Diener sondern Mitglied der besseren Gesellschaft, selbst ein zähnefletschender Raubfisch in einem Meer aus Beutefischen und hatte bestimmt genauso viel Dreck am Stecken wie er selbst. Der Einsatz war delikat und ein Zeichen dafür, dass sein Kontrahent ernst machte und ihm jetzt wirklich schaden wollte. Aber kneifen? Vor so vielen Zeugen? Unmöglich! Er prüfte noch einmal seine ungelegten Spielsteine: Eine goldene Reihung, ausgezeichnet. Das war die fünftbeste Konstellation des ganzen Spiels und der grüne Krieger lag bereits offen auf dem Tisch… Xalvie konnte im Grunde nicht verlieren.
Lässig lehnte er sich zurück und mit einer Kühle, die absolut nicht seinem inneren Zustand entsprach, sagte er: „Ich akzeptiere. Aber wenn ich gewinne, dann werden Sie mir noch ein paar von diesen Schnitten hinüber reichen, als mein Tischdiener.“
Die Menge jubelte und klatsche begeistert Beifall. Der Jubel sollte sich in Raserei verwandeln, als Virapdala zwei Minuten später die Iridium-Reihe legte, die stärkste Konstellation des ganzen Spiels. Xalvie hatte den grünen Krieger mit dem grünen Baumeister verwechselt und der Zufall hatte seinem Gegner die besten Steine zugespielt, die irgendein Spieler in den letzten 30 Jahren auf der Hand gehabt hatte.
Die nächsten Tage waren für Xalvie eine wirre, alpraumhafte Abfolge sich überschlagender Ereignisse gewesen, deren Dynamik sich auf eine Weise beschleunigte, die er bald nur noch als Zuschauer beobachten, doch kaum noch steuern konnte. Zuerst drehte die Hofpresse komplett durch, denn Videoaufzeichnungen des Spiels waren an die Öffentlichkeit geraten und Xalvie fand sich im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die sich noch steigerte, als Virapdala sein Ehrenrecht auf die Büchersichtung tatsächlich bereits nach zwei Tagen durchgesetzt hatte. Als Xalvie realisierte, dass diese Zeit unmöglich ausreichen würde, um alle betrieblichen Aufzeichnungen seiner Hofhaltung wasserdicht zu frisieren, schwante ihm, dass er auf einen von langer Hand geplanten Husarenstreich hereingefallen war. Hilflos musste er zusehen, wie die Erbsenzähler und Paragraphenreiter Virapdalas, stets begleitet von einigen offiziellen Ehrenwachen des Hofs, sich wie Fleischmaden durch den Speck seiner Buchhaltung wühlten und im Stundentakt immer neue Ungereimtheiten fanden, wobei sie stets ein lautes „Ha!“ ausstießen. Neben unzähligen kleineren und großen Verstößen gegen die imperialen Steuergesetze stießen sie schlussendlich auch auf die Sache mit den Reitkäfern des Imperators: Über Jahre hinweg war Xalvie der Hoflieferant für deren Nektar gewesen und hatte das Futter bis zum Äußersten mit Sägespänen und Abfallhonig aus der Färberei gestreckt. Fünfzehn der edlen Lieblingstiere des Imperators waren qualvoll verendet, doch war der Verdacht immer auf den Tierarzt und die Jockeys gefallen… einige der Leichen, die Xalvie auf dem Gewissen hatte. Diese Affäre und Abgabenhinterziehung im achtstelligen Bereich machten aus der Persona non grata, die Xalvie seit dem schicksalshaften Spiel geworden war, nun einen Feind des Imperators und zum Kandidaten für die Arena der Schmerzen.

Die Arena der Schmerzen… ein gigantischer Dom aus weißem Stein und schwarzem Stahl; das nach dem imperialen Palast das ehrwürdigste und älteste Bauwerk der Stadt war. Beim Gedanken an die Arena, in deren tiefsten Eingeweiden er sich nun befand, wurde Xalvie wieder übel und er musste sich ein weiteres Mal zwingen, sowohl Fassung als auch Mageninhalt zu behalten. Wie oft hatte er sich als Zuschauer in der Arena am grausamsten und blutigsten Schauspiel der Geschichte ergötzt? Schon als Kind hatte man ihn in die Arena mitgeschleift, „zur Abhärtung“, wie sein Vormund immer betont hatte. Und, er wollte verdammt sein, es hatte funktioniert. Spätestens als zynisch gewordener junger Mann genoss Xalvie die regelmäßigen Vorführungen von seiner Adelsloge aus. Während ihm gleichaltrige Trinkgenossen auf die goldgekleidete Schulter klopften, ihm Honoratioren träge mit versilberten Schädeltassen zuprosteten und deren Gemahlinnen ihm glühende Blicke zuwarfen, zeigten die Meister der tausend Qualen unten in der Arena ihre Kunst.

Denn die Arena war mehr als eine profane Hinrichtungsstätte: Sie war ein Ort der Kultur und ihre Meister verstanden sich als Künstler. Immer dann, wenn sich die beiden Monde am Himmel berührten, wurden hunderte von Delinquenten, auf fahr- und schwenkbare Gerüste fixiert, in der Arena präsentiert und so lange gequält, bis das astronomische Phänomen vorüber war und die Himmelskörper aneinander vorbeigezogen waren, was exakt zwei Tage und siebzehn Stunden dauerte. Ein ausgebildeter Schmerzensmeister war nicht nur ein Kenner der Anatomie mit medizinischem Fachwissen, sondern auch ein ausgezeichneter Psychologe und Entertainer. Manche von ihnen waren Berühmtheiten und gehörten selber der Oberschicht an. Die Vorführungen waren exakt choreographiert und folgten einer komplexen Dramaturgie, die sich über die Zeit der Mondkonjugation immer weiter steigerte, um dann in einem infernalischen Crescendo der Qual in ihrem erlösenden Höhepunkt zu enden. Neben den üblichen mechanischen Instrumenten standen den Meistern natürlich auch allerlei chemische Hilfsmittel aus dem Arsenal wahrnehmungserweiternder oder die Bewusstlosigkeit verhindernder Drogen zur Verfügung. Verstarb ein Kunstobjekt vor Ablauf der Frist, galt dies als Schande für den Künstler und so ließen er und seine Gehilfen den Verurteilten neben der üblichen künstlerischen Behandlung auch jede fortschrittliche medizinische Unterstützung zuteilwerden, welche nötig war, um den Spaß zu maximieren. Die größten aller Schmerzensmeister brachten es fertig, ihre bedauernswerten Opfer nahezu vollständig zu zerlegen, bevor diese ihr, nur noch von Nährschläuchen, Kreislaufmaschinen, Infusionen und Drogen zusammengehaltenen und längst wahnsinnig gewordene Seelen aushauchten.

Wie oft hatte Xalvie in seiner Loge gestanden und applaudiert? „Der Sehnenhaken… erst jetzt“? „Schaut euch diesen Darm an, Freunde… unfassbar, dass der Kerl noch zusammenhängend reden kann!“
Und nun lag Xalvie selbst auf solch einem Blutgerüst und konnte sein Unglück nicht fassen.

Xalvie haderte nicht einfach mit seinem Schicksal: Er war zerschmettert. Wie konnte es das Universum zulassen, dass so etwas wie ein einzelner sechseckiger Spielstein nicht nur über sein Leben entschied, sondern ihm auch noch im Sterben so übel mitspielte? Wie konnte ein kleiner Zufall eine derart immense Wirkung haben? Xalvie versuchte, die Geschichte seines Untergangs zurückzuverfolgen: In seiner Vorstellung ging er jeden einzelnen Schritt rückwärts durch die Zeit, folgte jeder Verästelung der Ereignisse, suchte und fand fatale Knotenpunkte, an denen sein Schicksal nicht diese, sondern jene Wendung genommen hatte. Wie konnte sich aus einer hingeworfenen Bemerkung, aus kleinen Launen und flüchtigen Eingebungen und Begebenheiten von geradezu vulgärer Nichtigkeit solch eine alles zermalmende Lawine aus unentrinnbaren Kausalitäten entwickeln?
Was war sein Leben gewesen? Eine fest in Stein gemeißelte Abfolge von in klarer Linie vorbestimmten Ereignissen bis zum bitteren Ende? Nein, das ganz bestimmt nicht. Xalvie hatte das Gefühl, die Geschichte hätte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auch anders verlaufen können, hätte er die richtigen Entscheidungen getroffen oder wäre er einfach zu bestimmten Zeiten an anderen Orten gewesen.
Also war sein Leben, wie es die Philosophen gerne formulierten, doch eher eine chaotische Wolke aus instabilen Seinszuständen, ständig bereit, in das eine oder andere Extrem zu kippen?
Und wenn dies der Fall war: Was war der zufällige, auslösende Faktor, der alles zum Kollabieren gebracht hatte? Was hatte den Zufall beeinflusst?

Doch solch tiefschürfende Gedanken waren müßig, denn die Arena der Schmerzen war alles, was noch zählte. Sie füllte seine Existenz so unentrinnbar aus wie eine Dampflokomotive die Spurweite ihrer Gleise.

 

Eine kalte, in Latex gehüllte Hand berührte ihn. „Der hier ist wach! Einer von den hohen Herren.“
Xalvie wimmerte und hatte das Gefühl, sein Bauch würde sich verflüssigen.
Mit pneumathischem Pfeifen schwang sich das Gerüst in seiner Halterung mitsamt ihrem Trägerobjekt in die aufrechte Person und Xalvie konnte nicht anders, als der neuerlichen Übelkeit nachzugeben und sich auf die eigene Brust zu erbrechen.

Eine hagere Gestalt mit strengem Gesichtsausdruck beugte sich ihm entgegen.

„Sieh an! Xalvenion dul Bredack, wenn ich nicht irre? Seien Sie gegrüßt, mein Name ist Solbotus.“
Xalvie, immer noch am Spucken, gingen die Augen über. Nicht Solbotus. Ausgerechnet Solbotus! Der war einer der meist gefeierten Meister seines Fachs und dafür bekannt, noch nie einen schweren Fehler begangen zu haben. Xalvie hatte ihn mal auf einem Empfang kennengelernt und ihm ins Gesicht gesagt, dass er dessen Performance als ein wenig zu routiniert und langweilig empfand. Und das Allerschlimmste war: Solbotus war ein Cousin von Virapdala!
Ein Gehilfe begann, Xalvie zu reinigen, während ihm ein zweiter eine Kanüle in die Armvene legte und danach an diversen, äußerst unangenehm bis peinlichen Körperstellen Sensoren für Blutdruck, Temperatur und andere Lebensparameter installierte.
Der Meister wartete, bis man sein kommendes Projekt präpariert hatte und beugte sich mit Kennerblick noch näher an dessen Gesicht heran. „Wie ich sehe, erkennen Sie mich wieder, Xalvenion. Mein Cousin lässt Sie herzlich grüßen. Wir wollen sehen, ob Sie meine Kunst auch diesmal langweilig finden. Ich freue mich darauf, mit Ihnen zu arbeiten!“
Xalvie weinte still. Die Stimme des Meisters war nur noch ein Flüstern als dieser sich langsam, die Hände reibend, zurückzog.
„Der Zufall ist schon eine komische Sache… nicht wahr? Wir sehen uns dann draußen wieder.“

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Wahrscheinlichkeiten – Kapitel 2

Zum Anfang der Geschichte

Schwarzer Peter

In einer der hochgesicherten Tiefgaragen eines repräsentativen Glasbaus in Brüssel entstieg ein Mann mit vage asiatischen Zügen einer dunklen Limousine. Sofort wurde er von einer Gruppe ernst wirkender Männer in Empfang genommen, deren Mehrzahl aus bullig wirkenden Kerlen in schusssicheren Westen bestand.  Seungho Martin Unterhofer, Sohn einer koreanischen Ärztin und eines IT-Magnaten aus Österreich sowie bis letzte Woche Chefprogrammierer bei Senvo Algorythms,  schien diese ungewohnte Gesellschaft sichtliches Unbehagen zu bereiten. Mit angezogenen Schultern blickte er verunsichert um sich und stellte die Gläser seiner AR-Brille dunkel, trotz des Schummerlichtes in diesen Beton-Katakomben. Icons blinkten in seinem Sichtfeld und bunte Flyouts begannen, die Personen um ihn herum zu taggen. Unterhofer atmete aus, als eines der Tags von Weiß zu Grün wechselte und eine ältere, grauhaarige Dame in strengem Business-Dress hervorhoben, die soeben dabei war, sich elegant an den breiten Männerrücken vorbeizuschlängeln. Er schien allzu erleichtert, in der Gruppe aus Sicherheitsleuten ein bekanntes Gesicht zu entdecken.  Sein Schritt beschleunigte sich.
„Madame Bougnoud, ich grüße Sie. Auch wenn ich den Anlass unserer Zusammenkunft nur bedauern kann…“.
Er griff einen Tick zu schnell nach ihrer beinahe widerwillig zum Gruß vorgestreckten Hand. Sie blicke kühl an ihm empor und Unterhofer war, wie immer und Mendel sei Dank, dankbar dafür, dass sich hinsichtlich seiner Körpergröße die Gene des europäischen Elternteils durchgesetzt hatten.
„Das ist eine sehr milde Umschreibung unserer Situation. Ihrer Situation, um genau zu sein.“  schnarrte die Frau ihn auf Deutsch mit einem starken französischen Akzent, in dem nichts Warmes, Charmantes, sondern lediglich graues Eis in der Farbe ihrer Haare lag, an. Unterhofer zuckte innerlich zusammen ob der barschen Begrüßung. Ein Hieb mit einer Bullenpeitsche hätte ihn nicht härter treffen können.
„Naja, aber hier sind wir nun.“  setzte die Frau hinzu.
Julie Bougnoud, stellvertretende Geschäftsführerin der Henning-Van-Dork-Stiftung, war die Repräsentantin der Finanziers für das Institut, welches wiederum auf Unterhofers Firma als Dienstleister zurückgegriffen hatte. Sie repräsentierte das Geld, welches Unterhofer die letzten zwei Jahre ein Leben auf der Überholspur ermöglicht hatte. Und sie repräsentierte zugleich die Macht, die ihn nun den Hyänen zum Fraß vorwerfen könnte.

Bougnoud deutete auf einen matt selbstleuchtenden Aufgang und ging voran.
„Der Ausschuss tagt um fünfzehn Uhr. Wir haben also noch eine gute Stunde Zeit. Haben Sie wenigstes Ihren Key dabei? Die Jungs hier sind ziemlich nervös seit der letzten Anschlagswelle.“
Unterhofer schluckte. „Wenigstens“ hatte sie zu ihm gesagt… als wäre er ein dummer Schuljunge und kein hochbezahlter Code-Guru. Eine sarkastische Antwort lag ihm auf der Zunge, doch nach einem kurzen Blick in die eisgrauen Augen seiner Verabredung (gab es an dieser Frau irgendetwas, das nicht grau war?) tippte er nur fahrig an seine Brille. Anstatt sich auf ihre Gereiztheit einzulassen, versuchte er es mit Empathie.
„Selbstverständlich, und ich danke Ihnen für die Freischaltung. Ich habe natürlich die Nachrichten verfolgt. Schreckliche Sache, der Anschlag! Darf ich… fragen, ob Kollegen von Ihnen unter den Opfern waren?“
„Sie dürfen. Von uns war keiner dort, danke der Nachfrage.“ entgegnete Bougnoud kühl und in Unterhofer wuchst die Erkenntnis, dass dies keine leichte Vorbesprechung sein würde. Sie fügte hinzu: „Aber wenn Sie die Nachrichten verfolgt haben, dann wissen Sie vielleicht auch, dass man uns dafür mitverantwortlich macht? Der Mob tobt, und das ist einer der Gründe, warum dieser Ausschuss derart schnell ins Leben gerufen wurde. Kaum eine Woche später als der Krisenstab!“

Ein Fahrstuhl erkannte die beiden, bestätigte ihre Sicherheitskeys, öffnete einladend eine Tür und präsentierte eine transparente Kabine, so groß wie ein ganzes Besprechungszimmer. Bougnoud und Unterhofer traten ein, die Sicherheitsleute blieben im Parkhaus zurück und drehten ihnen den Rücken zu, während sich die Türen schlossen. Unterhofer fühlte, wie die Beschleunigung der Kabine seinen Magen flau werden ließ, als er bemerkte, dass etwas mit dem großen Auswahldisplay des Aufzugs nicht stimmte. Dieses begann damit, in wilden chaotischen Farbmustern zu blinken. Er vergewisserte sich, dass der Aufzug normal weiterfuhr und sah dann mit Verwunderung, wie die Muster auf dem Display zusammenflossen und Worte formten. Bekannte Worte. Schnell schaute er weg. Bougnoud schien die Erscheinung entweder nicht zu bemerken oder aber nicht zu beachten.

elevator

Unbehaglich beobachtete er,  wie sie an seiner Schulter vorbei äugte und zu wittern schien, ob sie nun unter sich waren. Und schon fauchte sie los:„Was zur Hölle haben Sie getan?“
„Getan? Ich muss doch bitten!“
So schnell also war man in Defensive, fuhr es ihm in den Sinn, während er sich selbst seltsam distanziert beobachtete und stotterte:
„Wir haben uns bei unserer Arbeit streng an die zwischen uns in vielen Sprints ausgearbeiteten Milestones…“
„Hören Sie auf mit dem Gequatsche, ich rede nicht von der Projektleitung, sondern von dem, was Sie getan haben. Physikalisch!
„Auch hier muss ich Sie daran erinnern, dass es zahlreiche Planungsmeetings und Workshops gab, in denen sowohl wir als auch die Wissenschaftler von DLab sowohl die theoretischen Grundlagen als auch das Vorgehen der letztendlichen Umsetzung des Prototyps erörtert wurden. Soweit ich mich erinnern kann, waren Sie persönlich bei einem Großteil dieser Workshops anwesend!“
„Wollen Sie mich wütend machen, Unterhofer? Ich meine, noch wütender als ich sowieso schon bin“
„Natürlich nicht und ich finde…“
„Und wollen Sie, dass man Ihnen heute Nachmittag den Kopf abschneidet und in der Senne versenkt? Wollen Sie das?“
Unterhofer schluckte. „Nein, das will ich nicht.“
„Gut, das ist der erste sinnvolle Satz, den ich heute von Ihnen gehört habe. Und nun hören Sie mir zu. Die Welt ist in Aufruhr wegen der Ereignisse und Europa brennt. Das Netz besteht quasi nur noch aus Verschwörungstheorien, deren Mittelpunkt wir sind. Überall herrscht Ausnahmezustand. Und falls Sie es nicht mitbekommen haben: Uns droht eine militärische Konfrontation mit dem halben Osten, weil die Idioten im Kreml und in Peking denken, wir hätten sie angegriffen. Die Kommission kocht und versucht, herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Und passiert. Und ob wir etwas damit zu tun haben. Und wenn ich mich aus dem Fenster lehne, komme ich auf die seltsame Idee, dass die da oben damit richtig liegen könnten. Man hat sich in Rekordzeit auf uns eingeschossen und…“
Ein angenehmer Signalton erklang, gefolgt von einer noch angenehmeren Stimme, die das Zielstockwerk auf vier verschiedenen Sprachen verkündete. Bougnoud räusperte sich und zog Unterhofer durch die sich öffnenden Tür hindurch. Ihre Verve schien durch die kurze Unterbrechung keineswegs gebrochen, denn auf dem Korridor setzte sie ihre Tirade fort:
„…Und Sie dürfen Ihren unsportlichen Programmiererhintern darauf verwetten, dass der Stiftungsrat nicht gewillt ist, diese Verantwortung zu übernehmen, wenigstens nicht alleine. Um es geradeheraus zu sagen: Wir fühlen uns hinters Licht geführt und sind maßlos enttäuscht. Genauer gesagt haben wir das Gefühl, bezüglich der Risiken hinters Licht geführt worden zu sein. 134 Millionen Euro haben Sie von uns in den letzten drei Jahren bekommen! Hundertvierunddreißig!“
Unterhofers Stimme hatte nun etwas Weinerliches und er hasste sich dafür.
„Erstens: Ich bin nicht unsportlich. Zweitens: Wir haben hart für das Budget gearbeitet, und gut dazu! Ich wüsste jetzt nicht, was das mit…“
„Hundertvierundreißig Millionen Euro, und Sie waren nicht in der Lage, auch nur eine einzige Risiko-Analyse zu verfassen? Nicht eine? Ich sage Ihnen etwas: Wenn wir fallen, fallen Sie mit. Und ich gehe noch weiter: Wenn wir fallen, dann fallen Sie nicht nur mit, sondern wir werden Sie dazu benutzen, selber weich zu fallen, indem wir auf Ihnen landen. Wir werden anhand der Sitzungsprotokolle und Ihrer Arbeit belegen, dass Sie unsere Vorgaben viel zu großzügig interpretiert und Ihre Befugnisse weit überschritten haben. Das Wort „weit“ sprach sie lang aus: „weeeeeiiit“ und wedelte dabei mit den Händen vor ihm herum.
„Die Van Dork-Stiftung wird klarstellen, dass, auch wenn sie das Projekt Fortestinate finanziert hat, Ihre Firma letztendlich an den Ereignissen  – und damit an all der Scheiße, die gerade in den Ventilator fliegt – die Schuld trägt.“
„Auf uns alle? Was ist mit Stojewski, Allan und Storch? Immerhin stammt die Idee mitsamt den meisten theoretischen Grundlagen von denen. Wir haben den Kram doch nur codiert und die technischen Hürden gelöst. Wir sind das Fußvolk und haben uns den Kram nicht ausgedacht!“
„Fußvolk? Darf ich Sie an die 134 Millionen und Ihre neue Lodge an der Goldküste erinnern? Sieht so Fußvolk aus? Kommen Sie mir nicht so, Unterhofer! Die Wissenschaftler mögen ihre Theorien aufgestellt, ihre Gleichungen gelöst und danach ein bisschen herumgesponnen haben… aber das war Grundlagenforschung. Genauso wenig wie man Einstein für Hiroshima verantwortlich machen kann, kann Stojewski etwas für das Ereignis. Nein, Ihre Firma hat das Ding gebaut und dann haben Sie auf den Knopf gedrückt. Und sogar persönlich, wenn ich mich recht entsinne.“
„Ja, und zwar mit Ihrem Geld“ patzte Unterhofer nun trotzig zurück und seine Stimme hob sich.
„Und bevor Sie jetzt zum nächsten verbalen Kinnhaken ausholen, hören Sie mir zu!“
Unterhofer blieb auf dem Korridor und knallte seine Unterlagen so laut auf einen Stehtisch mit Prospekten, dass einige der geschäftig vorbeilaufenden Kommissionäre zu ihnen herüberschauten.
„Sie sind weder unser einziger Kunde noch ist dies der erste Regressfall in unserer Firmengeschichte… und glauben Sie mir: Bisher haben wir alle überlebt, nicht zuletzt dank der Tatsache, dass wir eine der besten Rechtsabteilungen der Welt beschäftigen. Ich bin nicht extra von Taipeh hierher geflogen, nur um mir jetzt von Ihnen drohen zu lassen. Ja, wir nehmen diese Vorladung durchaus ernst, aber wissen Sie was: Dass ich vor dem Ausschuss aussage, bedeutet nicht, dass ich mich vorher auch noch von Ihnen in die Mangel nehmen lassen muss. Ich hatte gehofft, wir wären auf der gleichen Seite!“

Bougnoud starrte ihren Gast kurz an und Unterhofer schien es, als sei sie am überlegen, wie sie weiterhin die Dominanz in diesem Disput behaupten könne. Dann wurde sie sich der neugierigen Blicke um sie herum bewusst, atmete durch und schlug einen anderen Ton an.
„Sie haben Recht, Herr Unterhofer. Ich bin nicht konstruktiv, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie so hart angegangen habe.“
Unterhofer nestelte mit einer Hand an der gestärkten Decke des Sehtisches und fühle sich wie ein Papiertiger, dessen Röhren ausnahmsweise erhört worden war. Er murmelte:
„Ich verstehe, dass Ihre Nerven blank liegen. Dass da draußen…“, er deutete auf die große Glaswand am Ende des Korridors, durch das man Fahnenmasten und ein Dreieck blauen Himmel mit einem Streifen weißer Wolken sehen konnte „hat uns alle ziemlich kalt erwischt, oder?“
Unterhofer gab seiner Brille durch ein zweimaliges Zusammenpressen der Zähne das Signal, die Augmented-Reality für einige Sekunden abzustellen, um sich das Fenster ohne Erweiterung anzusehen. Das Fenster war echt, ebenso der Himmel dahinter. Ihn fröstelte.

„Das können Sie laut sagen. Nochmal: sorry. Nehmen Sie meine Entschuldigung an?“ Sie griff nach den Unterlagen auf dem Tisch und reichte sie ihm mit beiden Händen, wie man einem Jungen sein Pausenbrot gibt.
Unterhofer ertappte sich dabei, wie er den Tonfall, in dem sie ein englisches Wort mit französischem Akzent aussprach nun plötzlich doch charmant fand und fühlte, wie er sich entspannte. Wie machte sie das nur? Diese Frau schien zum Manipulieren geboren.
Viel Zeit, darüber nachzudenken, ließ sie ihm nicht. „Leider enthalten meine ‚Kinnhaken‘, wie  Sie sich ausdrücken, einige harte Wahrheiten. Zumindest schon mal diese eine: Die Stiftung wird alles dafür tun, die Verantwortung nicht alleine tragen zu müssen. Das sind wir unseren Mitgliedern und Anteilseignern schuldig. Bitte fassen Sie das nicht als eine persönliche Geschichte zwischen uns beiden auf, aber ich habe im Zweifelsfall tatsächlich die Verpflichtung, mich auf jeder möglichen Ebene von Senvo Algorythms zu distanzieren wenn es nicht anders geht.“
„Und umgekehrt habe ich, wenn es hart auf hart kommt, meinen Mitarbeitern gegenüber die Verpflichtung klarzustellen, dass wir nur Ihre Anforderungen erfüllt haben.“

Bougnoud führte Unterhofer durch einen Durchgang in der Wand des Korridors und durch das weitläufige Foyer zu einer großzügigen Freitreppe. Dieser Tagungsort wirkte von innen weitaus beeindruckender als von außen, schoss es ihm durch den Kopf, als er die schwebenden Wasserfälle und hängenden Feigenbäume betrachtete, zwischen denen bunte Holovögel (oder waren es vielleicht Drohnen?) hin und her schossen. Über mehrere der hohen Wände und Teile des Bodens liefen Nachrichten: gestochen scharfe Satellitenbilder in Falschfarben, tarnfleckige Raketenwerfer, die auf dicken Reifen eine Brücke überqueren, stabilisierte Amateuraufnahmen von vermummten Demonstranten, die von militarisierten Polizisten zusammengeprügelt wurden…
Unterhofer riss sich angestrengt die Brille von der Nase, um die AR zu verbannen. Nachrichten und Holovögel waren verschwunden, immerhin die Wasserspiele und die Bäume existierten wirklich. Er genoss den plötzlich regungslosen, hellen Marmor der Wände. Sein angestrengter Blick fiel auf einen krabbenartigen ServBot, der mit leisem Surren über den Boden huschte und, mit niedlichen Fake-Augen blinkend und freundlich fiepend, seine Bürsten rotieren ließ, um Unrat und winzige Plastikteile zusammenzukehren.
Unterhofer konnte nicht anders: Er fixierte den kleinen Schmutzhaufen, obwohl er es besser wissen sollte. Doch der Drang hinzusehen war stärker als sein Unbehagen. Und tatsächlich, es passierte: Er sah, wie sich die Schmutzteilchen wie von Geisterhand zu bewegen begannen. Eine seltsame Art von Eigenleben bemächtigte sich des Drecks, als dieser begann, den Bürsten auszuweichen und sich neu anzuordnen. Aus dem Chaos der gausschen Normalverteilung schälte sich ein Muster heraus…

Bougnoud redete wieder auf ihn ein:
„Jetzt, da wir uns unserer grundsätzlichen Standpunkte versichert und unsere jeweiligen Loyalitäten verdeutlicht haben, sollten wir begreifen, dass wir letztendlich im gleichen Boot sitzen. Es liegt natürlich auch im Interesse der Stiftung, wie sie vor dem Ausschuss dastehen und wie ihre Verteidigungslinie ausfällt. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen und letztendlich helfe ich damit auch uns selbst.
„So kommen wir weiter und aus diesem Grund habe ich auch dieser Vorbesprechung zugestimmt.“
„Mein Ziel ist es, eine gemeinsame Strategie für Ihren Vortrag und zur Beantwortung bestimmter Fragen zu finden. Meine eigene Vorladung ist auf übermorgen angesetzt und ich halte es für sinnvoll, dass wir uns austauschen.
„Sie meinen: dass wir uns abstimmen.“
„Nein, ich meine ‚austauschen‘. Und hier kommen wir zum entscheidenden Punkt: Damit ich Ihnen helfen kann, ist es wichtig, dass ich verstehe, was wirklich passiert ist und wie es zu den Ereignissen kommen konnte. Sie müssen verstehen, dass es sich aus unserer Position entweder so darstellt, als hätten Sie uns über grundsätzliche Entwicklungen nicht in Kenntnis gesetzt oder aber als wären diese gar nicht erst von Ihnen bemerkt worden.“
Unterhofer schwieg betreten.
„Seungho… haben Sie uns etwas verschwiegen oder hatten Sie nur keine Ahnung? Was ist dort passiert?“
Er blieb stehen und sah Bougnoud direkt an.
„Wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich nicht genau, welche der beiden genannten Fälle wirklich zutrifft.
Und wenn ich noch ehrlicher sein soll… dann kann ich Ihnen nicht einmal sagen, wo genau nun etwas geschehen ist… und wem.

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Wahrscheinlichkeiten – Kapitel 1

Hüter

 

Lyro4plotioa55 war besorgt.

Seit 828 doppelten Atemzügen stand er schon als reglose, düstere Statue, umspielt von kleinen Staubteufeln, auf dieser windigen Anhöhe …und war besorgt. Der unruhig an- und abschwellende Wind bewegte das abgewetzte, anthrazitfarbene Gewebe, das an seinen hageren Leib herunter hing wie ein ausgemusterter Mantelrest an einer Vogelscheuche. Beim 829. Atemzug (einer Primzahl!) seiner Kreislauflungen beschloss er endlich, den kantigen, augenlosen Schädel zu drehen und den Horizont mit Sinnesorganen zu betrachten, die jedem menschlichen Evolutionsbiologen schlaflose Nächte voller Selbstzweifel beschert hätten. Die unerwartete Bewegung ließ einen Schwarm Bruuhle misstönend aufkreischen und ihr Heil in der Flucht suchen. Raschelnd falteten sie sich um und rollten flatternd den Hügel hinunter um sich auf einer nahegelegenen Mauer neu zu formieren.

Lyro4plotioa55 neigte seinen Körper langsam von einer Seite auf die andere, wobei sich die Basalstäbe seines Leibes geräuschvoll gegeneinander verschoben und sich verschlungene Gasröhren flexibel anpassten. Da hinten, jenseits der niedrigen Mauern und Haine, da stimmte etwas nicht… daran bestand kein Zweifel. Er durchmaß mit seinem Gesichtssinn die weitläufige Szenerie, deren ungewohnte Horizontkrümmung jeden Menschen irritiert hätte. Auf den ersten Blick schien das relative Konjugatum friedlich und im Takt seines Musters zu ruhen. Ein gewaltiges Panorama breitete sich vor Lyro4plotioa55, dem einzigen sich seiner selbst bewussten Beobachter dieser Ebene, aus: Heckenartige Pflanzungen und regelrechte Wäldchen violettfarbener Vegetation, niedrige, aber strenge Mauern und stachelige Zäune, schwarze Kanäle und weite, freie Flächen, die immer wieder von gewaltigen Monumenten durchbrochen wurden, verwandelten die Landschaft in ein Labyrinth bizarrer Formen und unwirklicher Farbkombinationen. Lyro4plotioa55, der Hüter dieses Wunders, konzentrierte sich mit wachsender Besorgnis auf den östlichen Raum.

Die Bruuhle, wieder keck geworden, falteten sich einer nach dem anderen in ihre eckige Steigform zurück und begannen zwitschernd die Anhöhe hinauf zu hüpfen und zu staksen. Lyro4plotioa55 störte sich nicht an ihrem Treiben, denn sie gehörten zum Muster; und das Muster bedeutete ihm alles. Was ihn jedoch störte, waren die hochbeinigen Gestalten der Scannerschieber, die mehrere Meilen Nordwärts wie riesige Windspiele über die Ebene schritten. Ihre massigen Gestalten, die auf den mit vielen Knoten versehenen Stelzen in mäßigem Tempo dahin wankten, hoben sich als ferne, aber kontrastierende Silhouetten luftperspektivisch gegen den strahlend rosablauen Divan des Himmels ab. Es hätten vierundzwanzig reife und fünfzehn unausgebildete Tiere sein müssen, so war es vorgesehen. Insgesamt also neununddreißig Scannerschieber, die dort mit weiten streichenden Bewegungen ihrer Tastorgane die Umgebung überprüften und auf ihrer Bahn große Felsen in eine Ordnung brachten, die nur ihr Meister verstand. Doch dieser zählte dreiundvierzig der Bestien und registrierte mit wachsendem Zorn die wild durcheinander wuselnde Zahl kleinerer Exemplare, die zwischen den Beinen der größeren ihre Tentakel fliegen ließen. Mit dem Äquivalent eines ungnädigen Kopfschüttelns hob Lyro4plotioa55 sein Signalhorn an sein rechtes Stoma und blies eine komplexe Signalfolge. Die Bruuhle veranstalteten zum zweiten Mal ein panisches Theater und ließen sich diesmal vom Wind hinweg tragen. Auch die Scannerschieber reagierten, wenn auch weitaus langsamer. Es dauerte zweiundsiebzig Atemzüge (keine Primzahl, wie Lyro4plotioa55 verärgert registrierte), bis sich die Gruppe teilte und sich die überzähligen Tiere gen Osten trollten. Doch für Zufriedenheit bestand kein Anlass, denn es stellte sich die Frage, was die Tiere so durcheinander gebracht hatte. Wie zur Antwort ertönte hinter dem großen Wall, wo sich die Gruppe vorhin noch befunden hatte, ein tiefes und bisher ungekanntes Dröhnen, gefolgt von fernem Tiergeschrei und mehreren kurzen Schlägen, die wie Explosionen klangen. Das ließ das Maß für den Hüter voll werden.

Strider

Völlig außerhalb seines normalen Musterkontextes (ein Umstand, der ihn zutiefst beunruhigte) beschloss Lyro4plotioa55, höchstpersönlich nach dem Rechten zu sehen. So erhob er sich mittels seiner vier Beingelenke pfeifend und knarzend zur voll aufgerichteten Größe und expandierte den langen Hirtenstab aus dem Gelenk seiner zweiten Oberhand. Ein Dali’scher Albtraum im Flattermantel, kam er mit langen, ausgreifenden Schritten vom Hügel herab wie der grimme Schnitter persönlich. Gravitätisch durchmaß er die Ebene, setzte mit langen Beinen über peinlich exakt geschnittene Hecken und duckte sich linkisch unter niedrigen Torbögen hindurch.

Die Erde begann zu vibrieren und das Dröhnen verstärkte sich. Erneuter Wind kam auf und verwandelte sich schnell in einen konstanten Sturm. Lyro4plotioa55 hielt kurz inne, fassungslos. Noch nie hatte er ein Erdbeben erlebt. Das passte nicht in das Muster! Hastig, beinahe in Panik nun, eilte er weiter, klickend und schnarrend sein Gleichgewicht haltend. Das Konjugatum war sein Ein und Alles und er würde es beschützen.

Die Unzahl an bizarren, wunderschönen aber scheinbar zwecklosen Strukturen, bildeten – zusammen mit dem darin gedeihenden Ökosystem – einen kontextuellen Zusammenhang auf derart vielen Ebenen, dass man Leben auf Leben darin verbringen konnte, ohne der Essenz seines logischen und ästhetischen Geheimnisses auch nur nahe zu kommen. Auf einem anderen Planeten in einem anderen Universum hätte man vielleicht „Kunst“ dazu gesagt, und die geometrisch abgezirkelten Ebenen mit ihren strengen Kreisen und dem akkurat gerechten Linien im blaurosa Kies (deren Ordnung sich als selbstähnliches Muster bis in die mikroskopische Ebene fortsetzte) hätten irdische Zenbuddhisten sicherlich in Ekstase versetzt.
Das Konjugatum war mehr als ein labyrinthischer Garten längst ausgestorbener Riesen. Es war Landschaft gewordene Mathematik, gegärtnerte Philosophie und gehegtes Gleichnis. Kontemplation in Stein, Stahl, Wasser und Leben. Unermesslich alt, geheimnisvoll und voller Bedeutung.

Lyro4plotioa55 hatte sonst reichlich Zeit zur Meditation und er nutze sie gerne… bei seinem Alter kaum verwunderlich. Doch war dies nur ein Spleen, seine ganz private Liebhaberei, für die er sich im Stillen schämte. Denn natürlich war er nicht von der Art der großen Alten und deren Motive mussten seinem vergleichsweise geringen Geist naturgemäß verschlossen bleiben. Lyro4plotioa55 war das Pendant zu einem Gärtner und Wildhüter. Und in diesem Moment war er sehr verwirrt und aufgebracht. Nicht, weil er von seinen Herren Strafe oder Missbilligung befürchten musste… seine Meister waren so gnädig, wie sie weise waren. Er wusste, sie hatten seine Genese so gestaltet, dass es keine Aufgabe in seinem weit gefassten Zuständigkeitsbereich gab, der er nicht gewachsen gewesen wäre. Er konnte gar nicht anders, als gute Arbeit leisten. Und sollte er ein Problem nicht lösen können, dann war seine Existenz eben nicht dafür vorgesehen. So einfach war das.

Oder auch nicht, denn das sich steigernde Crescendo ungekannten Lärms nagte mit Riesenzähnen an seiner Selbstsicherheit. Noch drei Schritte, dann war Lyro4plotioa55 auf dem Wall und erstarrte. Das Horn viel ihm aus der unteren Ersthand und der Hirtenstab am Handgelenk, wohl für immer nutzlos geworden, kontrahierte. Vielleicht war die Situation plötzlich nicht mehr ganz so einfach und die Meister würden vielleicht doch ungnädig sein mit ihm.

Vor dem Hüter des relativen Konjugatums erstrecke sich eine Wüste. Nein, keine Wüste, sondern eine Hölle. Ein Katastrophenszenario, ein regelrechter Ground Zero. Direkt vor ihm war das Erdreich des Walls über eine Länge von vielen Meilen abgerutscht und hatte Gräben, Hecken und labyrinthische Mauern unter Massen aus Schutt begraben. Eine lange Reihe turmhoher Monolithe war umgestürzt und lag entweder, halb von Pflanzungen verborgen, im Geröll oder lehnte sich aneinander wie eine Gruppe alter Kriegsveteranen. Das große Methan-Reservoir war über die zerstörten Kaimauern getreten und sandte eine kriechende Flut über die Ebene. Schreiende Kreaturen wurden mitgerissen und starben einen grausamen Tod. Canyons hatten sich aufgetan wie schwarz gezähnte Münder, nahmen Teile der Flut auf  und erstrecken sich bis an den Horizont.  Einen brennenden Horizont.

Lyro4plotioa55 konnte nur dastehen und augenlos starren. Instinktiv erfasste ein Teil seines auf Ordnung konditionierten Verstandes die Muster dieses Armageddon. Neue Zusammenhänge, chaotisch und fraktal. Diese fremden Muster zu erkennen, ohne sie zu verstehen, bereitete ihm physische Schmerzen. Ein uraltes begriffliches Konzept, dass er einmal gelernt und dann wieder vergessen hatte, drängte sich frech in sein Bewusstsein und verlangte Aufmerksamkeit. Lyro4plotioa55 stutze. Konnte das sein? Schnell überblickte er die einzelnen Ausprägungen der Katastrophe, analysierte Kausalketten und versuchte, sie auf einen Auslöser zurückzurechnen. Es wollte ihm nicht gelingen! Und da gab ihm der Kosmos ungefragt einen weiteren Hinweis, als eine gewaltige Dunkelheit vom Westen her über das zerstörte Land hereinbrach. Eine tiefe Schwärze kroch über das Land und dort, wo dieser Terminator vorüberzog, brach die Nacht herein. Etwas verdunkelte die Sonnen, alle Sonnen, und Lyro4plotioa55 hob den müden Kopf. Er sah einen zernarbten, in seiner Gewaltigkeit den halben Himmel füllenden Ball, dessen rechte Seite wie eine brennende Magnesiumsichel im Sonnenlicht glühte. Die ungeheure Masse des Planetoiden zog –nach kosmischen Maßstäben- in einer irrwitzig geringen Entfernung an der Welt vorbei. Dort, wo das Schwerefeld des Himmelskörpers zu wirken begann, hob sich die Erde und formte ein Mittelgebirge, das als breiter Gürtel über das Land wanderte und hinter sich eine Schneise aus Supervulkanen hinterließ. Neue Wolkenbänke bildeten sich im Zeitraffer, Blitze zucken und der Luftdruck wechselte sekündlich. Der Lärm spottete jeder Beschreibung. Lyro4plotioa55 schaltete sein Gehör ab und fragte sich, wieviel Zeit ihm wohl noch bliebe. Er erwog, vorsorglich auch jedes Schmerzempfinden abzuschalten. Die Meister würden ihn vielleicht in letzter Sekunde retten… oder auch nicht.

Während die monströse Masse des Planetoiden über ihm hinweg zog und das Land mit seiner Gravitation umpflügte, versuchte der Hüter, sich einen Reim zu machen. Er wusste, dass dieses Sonnensystem angefüllt war mit wandernden Himmelskörpern wie diesem hier. Doch war nicht nur ihre Bahn genau bekannt (wenn nicht gar vorherbestimmt), es gab sogar eigens eingesetzte Hüter, die ihrerseits dieses Muster überwachten. Planetoiden verließen nicht einfach so ihre Umlaufbahn. Irgendetwas -er wagte es kaum, diesen ketzerischen Gedanken zu denken- Unvorhersehbares, musste geschehen sein. Ware die Meister verrückt geworden? Ganz sicher nicht, alleine der Gedanke war schon lächerlich. Eine kosmische Katastrophe, die niemand vorhergesehen hatte? Extrem unwahrscheinlich!

Und doch… jedes Mal, wenn er alle Geschehnisse auf ein Bündel von Ursachen zurückgeführt hatte, zerfaserten seine Schlussfolgerungen und verzweigten sich zu vielen weiteren denkbaren Kombinationen. Eine Verkettung seltener Umstände? Eine …zufällige Verkettung? ZUFALL? Das war zu viel für Lyro4plotioa55. Knirschend gaben seine Basalstäbe nach und er sank in all seine Knie.

Die Meister würden kochen vor Wut.

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Drift

Drift trägt mich

Drift zieht mich

Von dir zu dir aus mir heraus

Kein Ruder kein Steuer kein Halten kein Wollen

Deinen Blick nur als Anker

Senk ich die Lider

Kleiner Nachtsegen

Mit dem Nachtwind

Blaue Hand

Am Fenster rauscht dir leise Ruh

Weile still an deinem Bett

Alb verwehrend

Zugewandt

Blei

Dein Mund schmeckt nach Blei

Und bleischwer werden die Atemzüge

bitter

Bitte mach, dass etwas beginnt

Oder wenigstens endet.

Ende gut, nichts gut

Eins führt immer nur zum Anderen

Und dann von vorne.

Frühlingsstarre

Draußen die Strahlen

Schneiden den Winter

Gang in der Sonne

Von einem, der ich sein könnte

Drinnen bleibt

Jemand, der ich bin

Er

Will atmen die Laue

Pfeifen dem Vogel

Keine Luft

Etwas zerreißt

Hände fahren, raue Gesichtsreibe

Knöchelbiss im Fensterkreuz